Solidarität im Dorf – verlieren wir etwas Wertvolles?
von Stephan Laube, Gemeinderat in Felben-Wellhausen (TG)
(27. März 2026) Viele von uns kennen es noch: Im Dorf war Hilfe selbstverständlich. Wer spät von der Arbeit kam, wusste dass die Kinder beim Nachbarn mitessen konnten. Man lieh sich Leiter, Werkzeug oder Auto, ohne Quittung und ohne Diskussion. Wenn jemand krank wurde oder ein Todesfall eintrat, stand eine Handvoll Menschen vor der Tür – mit Suppe, Zeit und offenen Ohren.
«Einer für alle, alle für einen» war nicht nur ein Spruch, sondern Alltag. Heute wirkt das manchmal wie eine Erinnerung aus einer verblassenden Zeit. Wir sind mobiler, ausgelastet, und wir organisieren vieles professionell: Lieferdienste statt Einkaufsrunde, Betreuung statt Nachbarschaftshilfe, Chatgruppen statt spontaner Begegnungen. Gleichzeitig wächst die Zurückhaltung: «Ich will niemandem zur Last fallen.» Oder: «Ich will mich nicht aufdrängen.» So entsteht eine stille Distanz, obwohl wir eigentlich näher beieinander wohnen als je zuvor.
Ist die Solidarität verloren? Vielleicht nicht – aber sie braucht wieder Raum. Solidarität beginnt klein: ein kurzer Schwatz am Gartenzaun, ein Anruf bei der alleinstehenden Nachbarin, ein Angebot, einmal pro Woche einzukaufen, ein Mitfahrplatz, wenn das Auto in der Garage ist. Und sie lebt von Verbindlichkeit: Wer Hilfe annimmt, darf später auch Hilfe geben. Ein Dorf bleibt nur dann Dorf, wenn wir mehr sind als Adressen.
Die gute Nachricht: Solidarität lässt sich nicht bestellen – aber sie lässt sich üben. Jeden Tag.