Max Petitpierre – Mut, mit den «Bösen» zu verhandeln
von Guy Mettan,* Genf
Am Mittwoch, dem 18. März, feierten wir den 80. Jahrestag der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland (damals Sowjetunion).
(Bild zvg)
Gelinde gesagt waren diese Beziehungen turbulent. Im Jahr 1945, als er gerade als Aussenminister in den Bundesrat eingetreten war, befand sich Max Petitpierre in einer sehr heiklen Lage. Die beiden Hauptsieger des Zweiten Weltkriegs, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion, nahmen der Schweiz ihre Beziehungen zu Nazideutschland übel. Das Land befand sich in völliger Isolation. Innerhalb von achtzehn Monaten gelang es Max Petitpierre jedoch, die Lage sowohl gegenüber den Amerikanern als auch gegenüber den Sowjets wieder zu normalisieren, trotz seines Anti-Bolschewismus. Mit einem Elan und einer Kühnheit, die unseren politischen Führern heute als Vorbild dienen sollten.
Einerseits werfen die Alliierten der Schweiz vor, Gold und zahlreiche Nazi-Vermögenswerte in ihren Banken zu hüten und diese unter Berufung auf das Bankgeheimnis nicht zurückgeben zu wollen. Als Vergeltungsmassnahme haben die Vereinigten Staaten die bei ihnen hinterlegten Schweizer Vermögenswerte eingefroren und boykottieren nationale Unternehmen, die mit dem Dritten Reich Handel getrieben haben.
Andererseits ist die Sowjetunion verärgert über die Schweiz, seit diese 1923 aus antikommunistischen Gründen einen ihrer Staatsangehörigen, Maurice Conradi, freigesprochen hat, der den russischen Diplomaten Vatslav Vorovski in Lausanne ermordet hatte. 1924 weigert sich die Schweiz weiterhin, die UdSSR anzuerkennen, während alle anderen Mächte dies bereits getan haben, sodass die diplomatischen Beziehungen abgebrochen werden. Das Aubert-Komitee und die antikommunistische Propaganda laufen zur Hochform auf.
Doch zwanzig Jahre später, Ende 1944, als die UdSSR als Hauptsiegerin über Hitlerdeutschland auf dem Kontinent erscheint und die Vereinigten Staaten Druck ausüben, um das Gold und die Vermögenswerte der Nazis zurückzugewinnen, wird die Lage der Schweiz unhaltbar.
Petitpierre geht an beiden Fronten mit derselben Entschlossenheit vor. Er entsendet einen seiner besten Diplomaten, Walter Stucki, nach Washington. Nach mehreren Zurückweisungen gelingt es diesem am 25. Mai 1946, ein unerwartetes Abkommen auszuhandeln, wonach die Schweiz 250 Millionen Franken an die Amerikaner zahlt im Austausch für die Aufhebung der Sanktionen gegen die Schweizerische Nationalbank (SNB), der vorgeworfen wird, Nazi-Gold zu horten, sowie gegen Schweizer Unternehmen. Die deutschen Guthaben in der Schweiz werden zu 50 Prozent für den Wiederaufbau Europas und zu 50 Prozent für die Schweizer Kriegsopfer verwendet. Im Westen klärt sich der Himmel auf, und die Schweiz kann sowohl ihre Handels- als auch ihre diplomatischen Beziehungen zu den «westlichen Alliierten» wieder aufnehmen.
Was die Beziehungen zum «Alliierten des Ostens», der Sowjetunion, betrifft, so wurden diese bereits einige Monate zuvor, genauer gesagt am 18. März 1946, geregelt. Für Petitpierre war dies eine Priorität. Er musste sich jedoch überwinden, da er aus einer bürgerlichen und antibolschewistischen (heute würde man sagen: russophoben) Familie aus Neuenburg stammte.
Unter Druck hob er im Oktober 1945 die Sperrung der sowjetischen Guthaben auf. 20 Millionen Franken wurden an die Russen überwiesen, und die Frage der 10 000 in der Schweiz festgehaltenen sowjetischen Kriegsgefangenen wurde geklärt. Auf Initiative des Schweizer Botschafters in Jugoslawien, Eduard Zellweger, wurden in Belgrad Verhandlungen aufgenommen, die zum Abkommen vom 18. März führten, wobei der Bundesrat «seine bisherige Haltung insoweit änderte, als sie gegenüber der UdSSR unfreundlich war». Ein Wort, das stark an die Vorwürfe des heutigen Russlands erinnert, das die Schweiz als «unfreundlich» betrachtet, seit sie sich 2022 trotz ihrer erklärten Neutralität für die Ukraine eingesetzt hat …
Der Weg ist somit frei für die – wenn auch sehr zaghafte – Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen und für eine intensivere Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen. 1954, mitten im Kalten Krieg, wird die Schweiz in Genf die Verhandlungen über Korea und Indochina ausrichten, die zu den Genfer Abkommen führen, und 1955 den Gipfel der Vier Mächte zwischen Eisenhower, Chruschtschow, Anthony Eden und Edgar Faure, der den Weg für die Entwicklung des späteren «internationalen Genf» und die Vermittlerrolle ebnete, die wir bis 2022 innehatten.
Mehr noch: Trotz seiner Vorurteile hat Petitpierre das Wesen der laufenden Veränderungen verstanden.
Max Petitpierre (Kanton Neuenburg)
geboren 26. Februar 1899,
gestorben 25. März 1994.
Studium der Rechtswissenschaften, Doktorat, Anwalts- und Notariatspatent,
ab 1932 ausserordentlicher Professor für internationales Zivil- und Privatrecht an der Universität Neuenburg.
In den Bundesrat gewählt 14. Dezember 1944, zurückgetreten 30. Juni 1961.
Nach seinem Rücktritt gehörte M. Petitpierre 1961–1976 dem IKRK an.
(Quelle https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/004647/2014-04-22)
Ebenfalls 1955 bekräftigt er, dass er sich «stets bemüht habe, die Welt zu verstehen, in der wir heute leben, die nicht mehr dieselbe ist wie die, die wir während des Krieges kannten, eine Welt, die sich meiner Meinung nach jeden Tag wandelt. Wir befinden uns in einer Entwicklung, deren Ausgang mir unmöglich abzusehen scheint. […] Diese Entwicklung wird von mächtigen kollektiven Kräften vorangetrieben, viel mehr als von Menschen und Regierungen. […] Während der Jahrhunderte seiner Vorherrschaft glaubte der hochmütige Westen, er habe das Monopol auf Zivilisation und politische Macht. Er hatte zweifellos die Macht, aber vielleicht fehlte es ihm an Weisheit, Weitsicht und Mass.» (Zitiert von M. Perrenoud, in «Le Temps» vom 16. Februar 2023).
Während sich der Hass gegen die Russen im Namen einer blinden Russophobie, gegen die Iraner im Namen eines engstirnigen Anti-Islamismus, gegen die Palästinenser im Namen eines exzessiven Anti-Antisemitismus oder gegen die Juden im Namen eines radikalen Antizionismus entfesselt, wäre es gut, wenn die Schweizer Politiker und die politischen Parteien wieder zur Weisheit, Weitsicht und Besonnenheit von Max Petitpierre zurückfinden würden. Es geht um den Platz der Schweiz auf der Weltbühne in den nächsten 80 Jahren …
| * Guy Mettan (1956) ist Politikwissenschaftler, freier Journalist und Autor. Er begann seine journalistische Karriere 1980 bei der «Tribune de Genève», deren Direktor und Chefredakteur er von 1992 bis 1998 war. Von 1997 bis 2020 war er Direktor des «Club suisse de la Presse» in Genf. Seit 25 Jahren ist er Mitglied des Genfer Kantonsrat. |
(Übersetzung «Schweizer Standpunkt»)